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Zurück zum Isolationismus

Noch in Virginia treffen wir an einer Kreuzung in der kleinen Gemeinde Coleen auf den 56jährigen Glenn. Ich will gerade Fotos von einem verfallenen Haus schießen, das mit einem Regenbogen verziert ist, da gibt einer auf der gegenüberliegenden Straßenseite voller Inbrunst Zitate von Patrick Henry und Thomas Jefferson zum Besten. Er stellt sich mir als Glenn vor und ist überzeugt, dass sowohl Jefferson als auch Henry im späten 18. Jahrhundert regelmäßig ihren Kaffee auf der Veranda des kleinen Ladens tranken, den Glenn gerade renoviert. Möbel will er hier verkaufen. Selbstgemachte. Glenn hat viele Berufe. Möbelschreiner ist nur einer davon. Fotograph ein anderer. Für ein paar Monate im Jahr arbeitet er noch auf dem Bau. Aber seine große Leidenschaft gilt der Tierwelt. Fast 60 Tiere beherbergt er in seiner Animal Clinic, die etwas abgeschieden einige Meilen im Hinterland liegt. In unserem Gespräch wird sehr schnell klar, woher diese Tierverbundenheit rührt: Glenn hat nicht viel übrig für die Menschheit, die ihn mit ihrer Gewaltbereitschaft, ihrer Habgier und ihrem Egoismus allzu oft enttäuscht hat. Es wundert mich wenig, dass er eine Warnung für das Jahr 2012 ausspricht, wenn uns allen mit dem Ende des Maya-Kalenders der Weltuntergang bevorsteht. Wobei Glenn nicht als Spinner abgestempelt werden möchte. Vorsichtshalber relativiert er seine Worte: Der Maya-Kalender sei doch nicht ganz so streng zu sehen, sondern stünde nur für das Ende eines Zyklus’, nicht gleich das Ende der Welt. Nur um nach einer kurzen Gedankenpause dann doch noch nachzuschieben: “Aber ich hätte auch nichts dagegen, wenn alle Konzerne, Banken und globale Großunternehmen im Feuer untergehen würden.”

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Melvin

Von Lynchburg, VA, geht es die US 29 nach Norden. Nach etwa 30 Meilen starren uns rechter Hand aus dem Unterholz heraus ein paar Scheinwerferpaare an. Die Scheinwerfer leuchten schon lange nicht mehr, ebensowenig wie die rostigen Oldtimer noch fahren, zu denen sie gehören. Wir halten auf einem staubigen Schotterparkplatz. Es gibt rostige Werbeschilder und eine alte Zapfsäule, die wohl nur noch einem dekorativen Zweck dient. Dahinter versteckt sich ein gelber VW Käfer, direkt vor der Eingangstür zu einer heruntergekommenen Werkstatt: “Melvin’s Auto Sales” steht auf einem kaum lesbaren Schild über dem brüchigen Vordach. Alles hier scheint einer seltsamen Mischung aus Verwahrlosung und liebevoller Sammelleidenschaft zu folgen. Ich bin mir unschlüssig: Ist es ein Schrottplatz oder ein Autofriedhof?

Für Melvin, den Inhaber, ist es ohne Zweifel letzteres. Melvin, 48 Jahre, zwei Kinder, geschieden, ist Autoliebhaber durch und durch. So lange er denken kann. Der kleine Laden an der US 29 ist die Erfüllung eines Lebenstraums und er könne sich nichts besseres vorstellen. Melvin ist eine Frohnatur, offenherzig und als er von unserem Vorhaben hört, macht er sich die Mühe, seine Reisenotizen und Fotoalben zu durchblättern, um uns Tipps zu geben, was wir auf keinen Fall verpassen sollten. Er schreibt alles auf einen Zettel, versieht die einzelnen Orte mit Sternchenwertung. Falls wir das alles nicht schaffen sollten, so müssen wir doch zumindest die erste seiner Empfehlungen wahrnehmen, einen Burger Joint an der Route 66. “An absolute must-see,” bekräftigt Melvin noch – und damit wir das nicht vergessen, schreibt er das gleich noch daneben. Zu seinen Tipps legt er noch zwei von seinen alten Nummernschildern. Nicht aus Ermangelung eines anderen Souvenirs, sondern weil er selbst leidenschaftlich Nummernschilder jener Orte sammelt, die er besucht.

Melvin reist gerne. Gemeinsam mit seiner 16jährigen Tochter hat er schon fast das gesamte Land durchquert. Einmal haben sie es von Virginia bis Kalifornien in nur drei Tagen geschafft. Geschlafen wurde im Auto, höchstens zwei Stunden, dann ging es weiter. Nach drei Tagen war die State Border von Kalifornien erreicht. Als ob wir ihm auch nicht so geglaubt hätten, zeigt er uns noch ein Beweisfoto, das er damals geschossen hat: “Welcome to California” steht auf dem Schild, neben dem Melvins Tochter stolz posiert. Sämtliche Fotos wurden von ihr liebevoll in einem Scrapbook zusammengefasst, komplett mit Straßenkarten, Essensquittungen, Servietten und was sonst noch so alles an Schnipseln und Erinnerungen auf solchen Reisen anfällt. Es steht wohl außer Frage, dass Melvin diese Alben jedem zeigt, der hier vorbeikommt. Weshalb sonst hat er sie wohl griffbereit in seinem Büro liegen.


Größere Ansichten der Bilder gibt’s übrigens im Flickr-Set.


Der Geburtsort Amerikas?

Kurz hinter Washington geht es über kleine Straßen Richtung Südosten. Unser Ziel ist Jamestown, die erste dauerhafte englische Kolonie auf dem amerikanischen Kontinent. Vielleicht ein guter Ausgangspunkt für unsere Reise auf der Suche nach der amerikanischen Identität. Es geht mir dabei weniger um die historischen Aspekte Jamestowns, über die man in zahlreichen Büchern lesen kann. Vielmehr möchte ich etwas von der Atmosphäre einfangen, die dieser Ort zu bieten hat. Wer weiß, welche Inspiration sich daraus gewinnen lässt.
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