In Cade Lakes, Texas, einer kleinen Siedlung, etwa fünf Meilen westlich von Caldwell, ist es schwer, jemanden für ein Interview zu gewinnen. Der junge Familienvater, der am ersten Grundstück seinen Rasen mäht, hört sich zwar interessiert unser Vorhabe an, doch sobald das Wort “Kamera” fällt, will er nichts mehr mit uns zu tun haben. Wir fahren weiter über unbefestigte Wege, vorbei an zahllosen Mobile Homes, Wohncontainern, zum Teil nur noch Ruinen. Ein paar Häuser weiter steigt beißender Rauch in unsere Nase. Barbecue wird angeschürt, doch auch der Grillmeister gibt sich kamerascheu. Die meisten hier seien arbeitslos und wollen eher unauffällig bleiben, verrät er uns. Sein Nachbar ruft uns schon von der Veranda aus zu, dass wir sein Grundstück gar nicht erst betreten brauchen.
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Billy Doland wohnt nicht weit vom Meer. Vielleicht drei, höchstens vier Kilometer Sumpfland liegen zwischen seiner Farm und dem Golf von Mexico. Die kleine Gemeinde Grand Chenier erstreckt sich über mehrere Meilen entlang des State Highway 82 an der Küstenlinie Louisianas, zwischen endlosem Gras- und Schilfland, das von ein paar Wasserarmen durchzogen wird. Es sind keine großen oder alten Farmhäuser, die einen hier erwarten. Kleine Mobile Homes reihen sich an der Straße entlang, viele auf Stelzen errichtet, daneben meist ein oder zwei Schuppen, vielleicht eine Scheune oder Garage. An vielen Gebäuden wehen die Stars & Stripes in der abendlichen Brise.
Auch bei Billy Doland, der Rinder züchtet, sieht es nicht anders aus. Doch Billy Doland hat noch eine zweite Flagge, nicht nur die, die an einem dünnen Mast in seinem Vorgarten weht. Er führt uns in einen Schuppen hinters Haus und zeigt in die halbdunkle Ecke unter dem Giebel des Daches. Dort hängt sie, die Flagge, zerschlissen und zerfetzt, mit zahlreichen Reißzwecken befestigt, um die ursprüngliche Form wieder herzustellen. Vor vier Jahren wehte sie noch stolz über dem Rasen von Billy Dolands Farm. Doch dann kam der Herbst 2005, ein schwieriges Jahr hier unten an der Küste.
Nur wenige Wochen nach Hurricane Katrina kam mit Hurricane Rita der nächste gefahrbringende Sturm auf die Bewohner zu. Diesmal traf es mit voller Wucht den westlichen Küstenabschnitt Louisianas. Grand Chenier wurde im Vorfeld vollständig evakuiert.
Als Billy Doland wieder auf seine Farm zurückkehren konnte, fand er nichts mehr so vor wie es war. Sein Haus lag fünf Meilen weiter, sagt er, und schwamm regelrecht in den Sümpfen. Von seinen knapp 500 Rindern konnten gerade mal 30 lebend geborgen werden. Praktisch der totale Verlust seiner beruflichen Existenz. Doch Billy Doland will nicht aufgeben. Er liebt das Land und die Region viel zu sehr und hat sich vorgenommen, einfach weiterzumachen bis er keine Kraft mehr hat. Wenn auch in kleinerem Stil.
Als er bei den Aufräumarbeiten unter den Trümmern seiner Farm die zerschlissene Flagge hervorzog, war er bereits im Begriff sie wegzuwerfen. Es war sein Neffe, der den Einfall hatte, sie im neu errichteten Schuppen an die Wand zu nageln. Und seither hängt sie dort, als Zeichen für ihn, den Mut nicht zu verlieren.
Ich wollte ja schon immer mal wissen, was der Hintergrund jener rot-weiß-blau gestreiften Zylinder ist, die sich hierzulande an zahlreichen Friseurläden finden. Eine gute Gelegenheit das herauszufinden, bietet sich uns in der Kleinstadt Thompson’s Station, Tennessee. Etwas außerhalb der Stadtgrenzen zwischen einer Tankstelle und einem Schrottplatz steht ein unauffälliges kleines Haus. Die Tür steht sperrangelweit offen. Und gleich neben dem Türrahmen dreht sich besagter Zylinder, den man Barber’s Pole nennt, wie ich bald herausfinden werde. Im Innern erwartet den Besucher ein altes Sofa, ein Boxsack und ein Kickertisch mit Star Wars-Figuren als Spielermännchen. Poster von Comic-Superhelden vervollständigen den ersten Eindruck.
Ein Friseursalon? Richtig. In einem beengten Zimmerchen, zwischen alten Möbeln, Familienfotos, einem Poster mit den Westernhelden des Spielfilms “Tombstone” und einer winzigen Kochnische sitzt Jason. Jason ist Barber. 35 Jahre alt. Stets guter Laune. Es fasziniert ihn, dass wir den weiten Weg aus Deutschland gekommen sind, um zufällig in seinem Barber Shop zu landen. Er bemerkt gleich, dass ein Haarschnitt bei mir nicht notwendig ist. Vielleicht ist er ein wenig enttäuscht, aber das lässt er sich nicht anmerken. Auf Kundschaft wartet Jason jedenfalls. Doch in der Zeit, die wir bei ihm verbringen, wird keine Kundschaft auftauchen. Womöglich ist die Lage des Salons nicht die Beste. Der kleine Laden war früher Teil des Schrottplatzes. Jason hat ihn aufgekauft und zu einem Salon umbauen lassen. Laufkundschaft gibt es hier wenig. Falls man in der Auto-Nation Amerika denn überhaupt von Laufkundschaft sprechen darf.
In Thompson’s Station kommt es offensichtlich auf andere Werte an als auf eine moderne Einrichtung oder die aktuelle Produktreihe professioneller Haarpflegemittel, wie man sie aus deutschen Friseursalons kennt. Jasons Barber Shop beschränkt sich auf das Wesentliche. Und das ist nicht viel. Den meisten Flair strahlt noch immer der alte Friseurstuhl aus, der aus den zwanziger Jahren stammt. Und dennoch: Jason ist voller Stolz, dass er alles selbst eingerichtet hat. Und außerdem müsse er sich nach den Wünschen der Kundschaft richten. Der Kicker sei sehr beliebt.
Noch in Virginia treffen wir an einer Kreuzung in der kleinen Gemeinde Coleen auf den 56jährigen Glenn. Ich will gerade Fotos von einem verfallenen Haus schießen, das mit einem Regenbogen verziert ist, da gibt einer auf der gegenüberliegenden Straßenseite voller Inbrunst Zitate von Patrick Henry und Thomas Jefferson zum Besten. Er stellt sich mir als Glenn vor und ist überzeugt, dass sowohl Jefferson als auch Henry im späten 18. Jahrhundert regelmäßig ihren Kaffee auf der Veranda des kleinen Ladens tranken, den Glenn gerade renoviert. Möbel will er hier verkaufen. Selbstgemachte. Glenn hat viele Berufe. Möbelschreiner ist nur einer davon. Fotograph ein anderer. Für ein paar Monate im Jahr arbeitet er noch auf dem Bau. Aber seine große Leidenschaft gilt der Tierwelt. Fast 60 Tiere beherbergt er in seiner Animal Clinic, die etwas abgeschieden einige Meilen im Hinterland liegt. In unserem Gespräch wird sehr schnell klar, woher diese Tierverbundenheit rührt: Glenn hat nicht viel übrig für die Menschheit, die ihn mit ihrer Gewaltbereitschaft, ihrer Habgier und ihrem Egoismus allzu oft enttäuscht hat. Es wundert mich wenig, dass er eine Warnung für das Jahr 2012 ausspricht, wenn uns allen mit dem Ende des Maya-Kalenders der Weltuntergang bevorsteht. Wobei Glenn nicht als Spinner abgestempelt werden möchte. Vorsichtshalber relativiert er seine Worte: Der Maya-Kalender sei doch nicht ganz so streng zu sehen, sondern stünde nur für das Ende eines Zyklus’, nicht gleich das Ende der Welt. Nur um nach einer kurzen Gedankenpause dann doch noch nachzuschieben: “Aber ich hätte auch nichts dagegen, wenn alle Konzerne, Banken und globale Großunternehmen im Feuer untergehen würden.”
Von Lynchburg, VA, geht es die US 29 nach Norden. Nach etwa 30 Meilen starren uns rechter Hand aus dem Unterholz heraus ein paar Scheinwerferpaare an. Die Scheinwerfer leuchten schon lange nicht mehr, ebensowenig wie die rostigen Oldtimer noch fahren, zu denen sie gehören. Wir halten auf einem staubigen Schotterparkplatz. Es gibt rostige Werbeschilder und eine alte Zapfsäule, die wohl nur noch einem dekorativen Zweck dient. Dahinter versteckt sich ein gelber VW Käfer, direkt vor der Eingangstür zu einer heruntergekommenen Werkstatt: “Melvin’s Auto Sales” steht auf einem kaum lesbaren Schild über dem brüchigen Vordach. Alles hier scheint einer seltsamen Mischung aus Verwahrlosung und liebevoller Sammelleidenschaft zu folgen. Ich bin mir unschlüssig: Ist es ein Schrottplatz oder ein Autofriedhof?
Für Melvin, den Inhaber, ist es ohne Zweifel letzteres. Melvin, 48 Jahre, zwei Kinder, geschieden, ist Autoliebhaber durch und durch. So lange er denken kann. Der kleine Laden an der US 29 ist die Erfüllung eines Lebenstraums und er könne sich nichts besseres vorstellen. Melvin ist eine Frohnatur, offenherzig und als er von unserem Vorhaben hört, macht er sich die Mühe, seine Reisenotizen und Fotoalben zu durchblättern, um uns Tipps zu geben, was wir auf keinen Fall verpassen sollten. Er schreibt alles auf einen Zettel, versieht die einzelnen Orte mit Sternchenwertung. Falls wir das alles nicht schaffen sollten, so müssen wir doch zumindest die erste seiner Empfehlungen wahrnehmen, einen Burger Joint an der Route 66. “An absolute must-see,” bekräftigt Melvin noch – und damit wir das nicht vergessen, schreibt er das gleich noch daneben. Zu seinen Tipps legt er noch zwei von seinen alten Nummernschildern. Nicht aus Ermangelung eines anderen Souvenirs, sondern weil er selbst leidenschaftlich Nummernschilder jener Orte sammelt, die er besucht.
Melvin reist gerne. Gemeinsam mit seiner 16jährigen Tochter hat er schon fast das gesamte Land durchquert. Einmal haben sie es von Virginia bis Kalifornien in nur drei Tagen geschafft. Geschlafen wurde im Auto, höchstens zwei Stunden, dann ging es weiter. Nach drei Tagen war die State Border von Kalifornien erreicht. Als ob wir ihm auch nicht so geglaubt hätten, zeigt er uns noch ein Beweisfoto, das er damals geschossen hat: “Welcome to California” steht auf dem Schild, neben dem Melvins Tochter stolz posiert. Sämtliche Fotos wurden von ihr liebevoll in einem Scrapbook zusammengefasst, komplett mit Straßenkarten, Essensquittungen, Servietten und was sonst noch so alles an Schnipseln und Erinnerungen auf solchen Reisen anfällt. Es steht wohl außer Frage, dass Melvin diese Alben jedem zeigt, der hier vorbeikommt. Weshalb sonst hat er sie wohl griffbereit in seinem Büro liegen.
Größere Ansichten der Bilder gibt’s übrigens im Flickr-Set.



Zwar ist schon etwas Zeit vergangen, aber ich muss auf den Friedensnobelpreis für Präsident Barack Obama zur Sprache kommen. Meine Meinung: eine unerwartete und vielleicht vorschnelle Entscheidung. Nicht weil es um Obama geht und er der amtierende Präsident ist, sondern es ist der Zeitpunkt.


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