Archive for the 'Menschen' Category

Crustypunks – Porträts New Yorker Obdachloser

Steven Hirsch hat ein spannendes Blog: Crustypunks. Fotos und Gspräche mit obdachlosen Punks im Tompkins Square Park im New Yorker East Village. Wikipedia erklärt: “Der Ursprung der Crusties liegt in der britischen Protestbewegung der 1980er Jahre [...]. Von Großbritannien aus verbreitete sich die Crustie-Bewegung nach Europa, Nord- und Südamerika und verband sich in den Vereinigten Staaten mit Ideen der Hobo- und Tramp-Kultur [...]. In unterschiedlicher Form besteht die Crustie-Kultur bis heute. Eine meist als negativ wahrgenommene Ausprägung des Crusties ist der klischeebeladene “Penner-Punk mit Hund”, andere obdachlose Crusties verdienen sich ihren Lebensunterhalt häufig als Straßenmusiker oder Gaukler.”

Und wenn New Yorker Crustypunks ganz offen ihre Lebensgeschichte erzählen, dann liest sich das so:

Ich bin ein Produkt des amerikanischen Pflegeelternsystems. Meine Mutter ist eine tschechische Hure und mein Vater ein dreckiger Araber. Sein Name war Ahmad oder so was ähnliches. Ich kam in Pflege als ich etwa drei Jahre alt war. Und eines Tages bin ich aufgewacht und war verdammte fünfzehn Jahre alt, dann bin ich aus dem Heim weggelaufen. Ich beschloss, dass es für mich das Beste wäre, wenn ich Crack abhängig werde und auf der Straße lebe. Die letzten zwei Jahre habe ich damit verbracht, meinen Verstand in Oklahoma City zu verlieren. – Ketchup [I'm a product of the American foster care system. My mom's a Czechoslovakian whore and my dad was a sand nigger. His name was Ahmad something or other. I grew up in the foster care system till I was three. So I woke up one day and I was fucking fifteen years old, ran away from the fucking group home. Decided it was in my best interests to become a crack head on the streets. And spent the last two years losing my mind in Oklahoma City.]

Oder auch so:

Ich bin außerdem ein Vampir. Ich bin in den Vampirismus hineingeboren und aufgewachsen. Als ich sehr jung war, wurde ich von meiner Familie und bösen Kirchenleuten verstoßen, Satansanbeter oder sowas ähnliches. Ich weiß nur, dass ich dazu gehörte, seit ich geboren wurde. Wenn ich trinke, spreche ich etwa elf oder zwölf Sprachen. Nicht im Moment. Zur Zeit, wenn der Krebs zu stark durchkommt wegen der Hitze, kann ich nicht klar denken. Ich mach mir die Chemo selbst. Ich hab ein Rezept dafür, irgendwo in Manhattan. Ich muss es nur abholen, wenn ich mich an die Adresse erinnern könnte. Ich bin Siebenunddreißig. Ich bin nicht verrückt. Ich bin kein Spinner. Ich bin nicht dumm. – Jeremy [I'm also a vampire. I was born and raised into vampirism. I was thrown out at a early young age from my family and everything by some wicked church people, satan worshippers or something. All I remember is I've been into it since I was born. I speak about eleven or twelve languages when I'm drinking. Not really right now. With the cancer setting in right now because of the heat and everything, just kinda like can't think right now. Doing my own chemo. And I got a prescription for it, somewhere here in Manhattan. I just gotta go pick it up, if I could remember where the address is. I'm thirty seven. I'm not crazy. I'm not insane. I'm not stupid.]

Mehr Porträts bei Crustypunks…


Johnny Knoxville zeigt uns wie Detroit lebt

Die Ruinen Detroits und der Verfall der einst viertgrößten amerikanischen Stadt gehören sicher zu den faszinierendsten Aspekten des “anderen Amerikas” – und waren schon häufiger Thema hier im Blog. Jetzt hat ein amerikanischer Schuh- und Stiefelhersteller Jackass-Frontman Johnny Knoxville auf Detroit angesetzt. Nicht, um es nach Jackass-Manier durch den Kakao zu ziehen, sondern um als Urban Explorer die Künstlerszene zu besuchen, die dort zwischen überwucherten Häuserfronten und verlassenen Einkaufsstraßen zu blühen beginnt – und dem Detroit-Thema nochmal eine ganz neue Seite hinzufügt. Rausgekommen ist die Doku “Detroit Lives!”, unten gibt’s den Trailer und Teil 1, die restlichen beiden Teile nach dem Klick.


(YouTube Direktlink)

Detroit Lives! – Teil 1:
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Amerika nach der großen Depression in Farbe

Wow! Die Denver Post hat eine tolle Fotosammlung mit Farbbildern aus der Zeit von 1939 bis 1943 zusammengestellt, die vor allem die Auswirkungen der Großen Depressionen auf das ländliche Amerika festhalten. Farbfotos aus längst vergangenen Zeiten sind allein schon super, aber die hier sind nochmal ganz besonders toll. Und stammen allesamt aus dem Archiv der Library of Congress, das man auf Flickr durchstöbern kann, wenn man 1.615 Fotos (!) lang Zeit hat.


Moderne Outlaws im Wilden Westen

Der Fotograf Nadav Neuhaus hat sich in die Wüste New Mexicos begeben und Menschen gefunden, die auf ihre Art den wilden Westen wieder aufleben lassen. “Life Off The Grid” nennt er sein kurzes Video – Leben außerhalb von Strukturen: Selbstversorger ohne fließend Wasser, ohne Strom. Und ohne Gesetz. Schade, dass das Video nur 3 Minuten dauert. Aber wenn man mehr erfahren möchte über das Leben auf The Mesa, dann gibt es immer noch den preisgekrönten Dokumentarfilm “Off the Grid: Life on the Mesa” von Jeremy und Randy Stulberg.


(Vimeo Link)

Auch interessant: Die wilde Camper-Kommune von Slab City in Kalifornien


Kurzdokus über Handwerkskunst

Drei schön gemachte Kurzdokus von The Scout Magazine über ganz individuelle Betriebe, in denen Kunst und Handwerk zusammenkommen: Die Brooklyn Chocolate Factory der Mast Brothers, das Architekturbüro von Roman & Williams und die Gürtel- und Ledermanufaktur von Billykirk.


(The Mast Brothers on vimeo)

Bei den Mast Brothers war auch schon mal das Einrichtungsblog The Selby zu Besuch und hat die altmodische Chocolaterie in Bildern festgehalten.


(Roman & Williams on vimeo)


(Billykirk on vimeo)


Kurzdoku: Up There

Ich finde ja alte Fassadenreklame, die praktisch überall in Amerika von verrußten Backsteinwänden blättert, eh total klasse. Und wer den AMERICAN BACKROOM Flickr-Stream durchforstet, wird auch das eine oder andere Foto dazu finden. Der New Yorker Filmemacher Malcolm Murray hat sich jedenfalls mal den Alltag der Fassadenmaler genauer angesehen. Das ganze ist so wunderschön gefilmt und so herzerwärmend erzählt, dass einem fast die Tränen kommen. Hier also ausnahmesweise ein Film, der mal nicht hinter, sondern vor die Fassade blickt.


(Direktlink)


Holdts Alptraum

Beeindruckende Bilder bietet eine Bilderfolge von Jacob Holdt, der Anfang der  70er Jahren in den USA lebte und Mißstände, die Armut und Lebensumstände der Meschen fotographisch festhielt und das “normale” Leben der Mittelschicht bildlich dagegen setzte.


Stars and Stripes Graffiti Kunst Kontroverse


(Direktlink)

Der Graffiti-Künstler Saber aus Los Angeles hat sich der amerikanischen Flagge angenommen, und die Stars and Stripes für einen Pro-Gesundheitsreform-Videowettbewerb der Demokraten in ein Gesamtkunstwerk verwandelt. In dem 30-sekündigen Video (oben) dient das auffällige Symbol als visuelles Fundament, das er bemalt, besprayed und in Zeitraffer immer wieder neu in den Kontext der Health-Care-Diskussion rückt. Für das republikanische Mediensprachrohr Fox News ein gefundenes Fressen: Da gerät das Werk zum Propaganda-Material des linken Flügels und die Verwendung der Flagge zur Beleidung der gesamten amerikanischen Nation:

It’s all about tarring-and-feathering the opponents of a government health care takeover as somehow unpatriotic. And the defacing of the flag, of course, is well within the mainstream of far-left propaganda tactics. (Zitat von Michelle Malkin, Fox News)

Ein weiteres Beispiel für den großen, offensichtlich unheilbaren Twist, der zwischen den beiden US-Parteien steckt. Laut Matthew Newton von True/Slant beweist diese Kontroverse die Ur-Problematik, dass Repulikaner unfähig seien, sich in die Sorgen der kleinen Leute hineinzudenken, während die Demokraten an zuviel Sorge zugrunde gehen. Den Originalbeitrag aus der Polit-Talkshow Hannity kann man sich im Video ganz unten ansehen.

Der Künstler Saber jedenfalls lässt sich das nicht gefallen und rückt in einem aktuellen Video sein Image gerade – und enthüllt dabei vor allem seine eigene gesundheitliche Situation, aufgrund der er im Augenblick keinen Zugang zu einer umfassenden medizinischen Versorgung sieht. Saber strikes back at Fox News!


(Direktlink)

Der Originalausschnitt der Show Hannity, wie ihn Fox News gesendet hat:


(Direktlink)


Herzstillstand an der Route 66

Wir rollen durch die Nacht und den Texas Panhandle Richtung Amarillo, als uns das Benzin ausgeht. Nicht vom Wagen, sondern vom Feuerzeug. Die letzte Tanke liegt schon eine ganze Weile zurück. Und wenn das Verlangen nach Nikotin zu groß wird, dann nimmt man es eben in Kauf, auch mal von der I-40 runterzufahren und sein Glück bei den paar Lichtern in der Ferne zu suchen. Nach Tanke sieht es dort aber auch nicht aus. Stattdessen begrüßt uns ein überdimensionierter und von Rostflecken überzogener Blechkaktus mit der neonleuchtendgrünen Aufschrift Cactus Inn. Hier, beschließen wir, werden wir übernachten. Gibt in der Dunkelheit eh nichts zu sehen. Können wir genauso gut schlafen. In dem winzigen Office greife ich als erstes in die Schale mit Streichhölzern. Dann treffe ich Peggy Baer, die Managerin des Cactus Inn. Und zugleich stolze Bürgermeisterin von McLean, Texas. McLeans erste Frau in diesem Amt. Ihre Wahl habe sogar ein internationales Medienecho nach sich gezogen, wird Peggy nicht müde immer wieder zu betonen, als sie vom Grund unserer Reise hört. Durch die Tür hinter ihr fällt mein Blick ins Wohnzimmer, von wo aus mir ihr Mann Duwain aus einem Lazy Boy zunickt, einem jener überdimensionierten, verstellbaren amerikanischen TV-Sessel, bei denen der Name Programm ist. Zwei solcher Lazy Boys gibt es in Peggy und Duwain Baers Wohnzimmer. Einen großen Fernseher. Und sonst viel Platz.

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Begegnungen entlang der Mother Road

Ich bin ja eigentlich nicht der Mensch, der für Legendenbildung besonders empfänglich ist. Und schon gar keiner, der sich auf einen Hype einlässt. Aber bei der Route 66, da verspüre sogar ich ein leichtes Kribbeln im Bauch. Nicht weil ich etwa ein großer Liebhaber amerikanischer Automythen wäre. Mit Autos hab ich noch nie viel anfangen können. Vielleicht aber, weil die Romantik der Route 66 ein wenig für das steht, was auch unser Recherchetrip darstellt: Reisen um zu Entdecken. Freude am Fahren, nicht am Ankommen. Vielleicht auch, weil sie so tief verwurzelt ist im Mythos Amerika und eine ganze Menge von dem bietet, was amerikanische Folklore, das Straßen- und Städtebild sowie amerikanisches Design vielerorts und für lange Zeit ausmachte – Americana, um es mit einem Wort zu sagen. Vielleicht aber auch, weil die Route 66 tatsächlich der Urtyp einer Legende ist, der nur noch als Idealvorstellung in den Köpfen der Menschen existiert, während sie im wahren Leben mühevoll darum bemüht ist, sich überhaupt am Leben zu erhalten, wie wir bald feststellen werden. Denn anders als moderne mediengemachte Legenden, hat die echte Route 66 das mediale Interesse weitestgehend verloren und wird oft nur noch von Geschichten und dem Geschichtenerzählen am Leben erhalten. So wie es sich für eine ordentliche Legende gehört.

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