Monthly Archive for October, 2009

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Nobels Erben und deren Last?

nobelpreisZwar ist schon etwas Zeit vergangen, aber ich muss auf den Friedensnobelpreis für Präsident Barack Obama zur Sprache kommen. Meine Meinung: eine unerwartete und vielleicht vorschnelle Entscheidung. Nicht weil es um Obama geht und er der amtierende Präsident ist, sondern es ist der Zeitpunkt.

Er muss sich zum einen jetzt und für immer an dieser Auszeichnung messen lassen. Objektiv betrachtet: Was konnte er in den paar Monaten seiner Amtszeit leisten? Logischerweise natürlich eher wenig, so wie es bei jeder neuen Regierung der Fall ist. Verstärkt durch das amerikanische Regierungssystem, in dem sich unter anderem jedes Kabinettsmitglied erst einem langwierigen Zustimmungsverfahren im Senat unterziehen muss, ist seine Administration zu Beginn natürlich eher schwach und kann nicht in alle Politikfelder gezielt hineinregieren. Seine bisher erreichte Fortschritte  und Politik (-ansätze) auf gewissen Gebieten sind der richtige Weg, allerdings muss man dies auch im Vergleich zur miserablen Politik und dem Niveau seines Vorgängers sehen.
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Bildergalerie Kentucky

Größere Bildansichten gibt’s wie immer im Flickr-Album:


Durch den Bluegrass State

Unsere Fahrt durch Kentucky führt uns über Winchester, Paris, Frankfort, Louisville, Elizabethtown, Hodgenville und Hardyville nach Tennessee. Obwohl Kentucky kaum südlicher liegt als Virginia zählt es bereits zu den Southern States – und die Menschen sind stolz darauf, auch wenn mit Abraham Lincoln einer der berühmtesten Söhne des Staates den Sezessionskrieg auf Seite der Nordstaaten anführte. Abgesehen von der Metro Area Louisvilles (das man hier als weiches, kehliges Luvel ausspricht) mit 1,2 Millionen Einwohner geht es durch ländliche Regionen. In Kentucky nicht besonders schwer. Im Gegensatz zur breitgefächerten industriellen Entwicklung in den Nachbarstaaten hat sich Kentucky größtenteils seine Agrarwirtschaft bewahrt und ist der Bundesstaat mit den meisten Farmen je Quadratkilometer.

Vielleicht hatte Bill ja Recht, als er uns auf die Armut hingewiesen hat, die in weiten Teilen Kentuckys verbreitet ist. Tatsächlich kommen wir an vielen kleinen, heruntergewirtschafteten Farmen, ärmlichen Kleinstädten und Trailerparks vorbei. Ich will damit kein pauschales Urteil fällen, doch das Gefälle von Virgina zu Kentucky ist offensichtlich.

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Zurück zum Isolationismus

Noch in Virginia treffen wir an einer Kreuzung in der kleinen Gemeinde Coleen auf den 56jährigen Glenn. Ich will gerade Fotos von einem verfallenen Haus schießen, das mit einem Regenbogen verziert ist, da gibt einer auf der gegenüberliegenden Straßenseite voller Inbrunst Zitate von Patrick Henry und Thomas Jefferson zum Besten. Er stellt sich mir als Glenn vor und ist überzeugt, dass sowohl Jefferson als auch Henry im späten 18. Jahrhundert regelmäßig ihren Kaffee auf der Veranda des kleinen Ladens tranken, den Glenn gerade renoviert. Möbel will er hier verkaufen. Selbstgemachte. Glenn hat viele Berufe. Möbelschreiner ist nur einer davon. Fotograph ein anderer. Für ein paar Monate im Jahr arbeitet er noch auf dem Bau. Aber seine große Leidenschaft gilt der Tierwelt. Fast 60 Tiere beherbergt er in seiner Animal Clinic, die etwas abgeschieden einige Meilen im Hinterland liegt. In unserem Gespräch wird sehr schnell klar, woher diese Tierverbundenheit rührt: Glenn hat nicht viel übrig für die Menschheit, die ihn mit ihrer Gewaltbereitschaft, ihrer Habgier und ihrem Egoismus allzu oft enttäuscht hat. Es wundert mich wenig, dass er eine Warnung für das Jahr 2012 ausspricht, wenn uns allen mit dem Ende des Maya-Kalenders der Weltuntergang bevorsteht. Wobei Glenn nicht als Spinner abgestempelt werden möchte. Vorsichtshalber relativiert er seine Worte: Der Maya-Kalender sei doch nicht ganz so streng zu sehen, sondern stünde nur für das Ende eines Zyklus’, nicht gleich das Ende der Welt. Nur um nach einer kurzen Gedankenpause dann doch noch nachzuschieben: “Aber ich hätte auch nichts dagegen, wenn alle Konzerne, Banken und globale Großunternehmen im Feuer untergehen würden.”

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Gesundheitssystem – der Streitpunkt der US Politik

topelement

Ein Ausschuss des US-Senats hat Gesetze zur Gesundheitsreform gebilligt, Präsident Obama preist das als “Meilenstein”. Bis Jahresende will er sein Mammutprojekt im Kongress durchpauken. Doch viel Detailarbeit bleibt – und bisher hat er erst eine einzige Republikanerin für seine Ziele gewonnen.

Wie die obige Meldung deutlich macht geht es bei diesem Thema wirklich ans Eingemachte. In den USA sorgt besonders die Diskussion über das Gesundheitswesen seit Jahrzehenten für erbitterten Streit. Hier geht es, man meint es kaum, nicht um die Gesundheitsversorgung des Volkes, sondern um eine fundamentale Position und Einstellung der beiden Parteien. Die Republikaner wollen weniger Staat. Sie lehnen den Ausbau des Sozialstaats fast kategorisch ab. Die Demokraten hingegen setzen sich mehrheitlich für eine Grundversorgung aller Bürger ein. Ein Sozialstaatsmodell wie es in Europa gewachsen ist, ist aber auch für die Demokraten kein erstrebenswertes Ziel. Nein es wird sogar abgelehnt. Grundkonzept bei allen bleibt die grundsätzliche Eigenverantwortung des Einzelnen.

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Melvin

Von Lynchburg, VA, geht es die US 29 nach Norden. Nach etwa 30 Meilen starren uns rechter Hand aus dem Unterholz heraus ein paar Scheinwerferpaare an. Die Scheinwerfer leuchten schon lange nicht mehr, ebensowenig wie die rostigen Oldtimer noch fahren, zu denen sie gehören. Wir halten auf einem staubigen Schotterparkplatz. Es gibt rostige Werbeschilder und eine alte Zapfsäule, die wohl nur noch einem dekorativen Zweck dient. Dahinter versteckt sich ein gelber VW Käfer, direkt vor der Eingangstür zu einer heruntergekommenen Werkstatt: “Melvin’s Auto Sales” steht auf einem kaum lesbaren Schild über dem brüchigen Vordach. Alles hier scheint einer seltsamen Mischung aus Verwahrlosung und liebevoller Sammelleidenschaft zu folgen. Ich bin mir unschlüssig: Ist es ein Schrottplatz oder ein Autofriedhof?

Für Melvin, den Inhaber, ist es ohne Zweifel letzteres. Melvin, 48 Jahre, zwei Kinder, geschieden, ist Autoliebhaber durch und durch. So lange er denken kann. Der kleine Laden an der US 29 ist die Erfüllung eines Lebenstraums und er könne sich nichts besseres vorstellen. Melvin ist eine Frohnatur, offenherzig und als er von unserem Vorhaben hört, macht er sich die Mühe, seine Reisenotizen und Fotoalben zu durchblättern, um uns Tipps zu geben, was wir auf keinen Fall verpassen sollten. Er schreibt alles auf einen Zettel, versieht die einzelnen Orte mit Sternchenwertung. Falls wir das alles nicht schaffen sollten, so müssen wir doch zumindest die erste seiner Empfehlungen wahrnehmen, einen Burger Joint an der Route 66. “An absolute must-see,” bekräftigt Melvin noch – und damit wir das nicht vergessen, schreibt er das gleich noch daneben. Zu seinen Tipps legt er noch zwei von seinen alten Nummernschildern. Nicht aus Ermangelung eines anderen Souvenirs, sondern weil er selbst leidenschaftlich Nummernschilder jener Orte sammelt, die er besucht.

Melvin reist gerne. Gemeinsam mit seiner 16jährigen Tochter hat er schon fast das gesamte Land durchquert. Einmal haben sie es von Virginia bis Kalifornien in nur drei Tagen geschafft. Geschlafen wurde im Auto, höchstens zwei Stunden, dann ging es weiter. Nach drei Tagen war die State Border von Kalifornien erreicht. Als ob wir ihm auch nicht so geglaubt hätten, zeigt er uns noch ein Beweisfoto, das er damals geschossen hat: “Welcome to California” steht auf dem Schild, neben dem Melvins Tochter stolz posiert. Sämtliche Fotos wurden von ihr liebevoll in einem Scrapbook zusammengefasst, komplett mit Straßenkarten, Essensquittungen, Servietten und was sonst noch so alles an Schnipseln und Erinnerungen auf solchen Reisen anfällt. Es steht wohl außer Frage, dass Melvin diese Alben jedem zeigt, der hier vorbeikommt. Weshalb sonst hat er sie wohl griffbereit in seinem Büro liegen.


Größere Ansichten der Bilder gibt’s übrigens im Flickr-Set.


Der Geburtsort Amerikas?

Kurz hinter Washington geht es über kleine Straßen Richtung Südosten. Unser Ziel ist Jamestown, die erste dauerhafte englische Kolonie auf dem amerikanischen Kontinent. Vielleicht ein guter Ausgangspunkt für unsere Reise auf der Suche nach der amerikanischen Identität. Es geht mir dabei weniger um die historischen Aspekte Jamestowns, über die man in zahlreichen Büchern lesen kann. Vielmehr möchte ich etwas von der Atmosphäre einfangen, die dieser Ort zu bieten hat. Wer weiß, welche Inspiration sich daraus gewinnen lässt.
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Asphalt Cowboys

Zwei Tage USA und ich hab mich am Asphalt satt gesehen. Dass dieses Land eine Nation der Autofahrer ist, ist allgemein bekannt, doch was sich tatsächlich dahinter verbirgt und wie viel sich doch an den großen Straßen orientiert, die die Bundesstaaten durchziehen, wird mir erst wieder bewusst, nachdem wir uns von New York aus Richtung Süden gekämpft hatten. Jersey City. Philadelphia, Baltimore. Washington DC. Bevor wir uns in ländliche Gebiete begeben, wollen wir möglichst zügig diesen Städtegürtel hinter uns lassen. In einer schier endlosen PKW Kolonne rollen wir über die Interstates. Dabei kommt man sehr schnell zu der Erkenntnis, dass einem das Land auf diese Weise völlig fremd bleibt. Das ist nicht einfach nur so eine Verallgemeinerung, sondern Tatsache. Man kann praktisch die gesamten Vereinigten Staaten von vorne bis hinten durchqueren ohne überhaupt je etwas gesehen zu haben außer den immer gleichen Logos der Schnellimbisse, Motelketten und Superstores. Wie öde. Ab morgen ist Schluss damit, wir müssen runter von diesen anonymen Teeradern.

Einen kleinen Abstecher haben wir uns dennoch gegönnt: Kurz vor Trenton, NJ, am Delaware entlang Richtung Westen. Verlässt man die Interstates, dünnt sich augenblicklich der Verkehr aus und wir kurven durch die hereinbrechende Nacht, bis wir im Städtchen New Hope den Fluss nach Pennsylvania überqueren. New Hope begrüßt uns mit pittoresker Architektur, Antiquitätenläden und Cafés. Ob das allerdings das echte Amerika ist, wage ich zu bezweifeln. Offensichtlich lebt New Hope von der durchaus verkitschten Aufbereitung der Gründungszeit der Vereinigten Staaten und inszeniert sich als perfektes Idyll. Anstelle des üblichen WalMart oder Giant finden wir “nur” einen Bio-Superstore. Sieh an. Dennoch scheint New Hope kaum Gelegenheit zu bieten, einen Blick hinter die glatten Fassaden zu werfen. Es ist ohnehin schon dunkel und wir ziehen schnell weiter.

Nur wenige Meilen südlich stoßen wir auf einen Feuerwehreinsatz, der sich allerdings ebenfalls als Inszenierung entpuppt. Es ist das Kinderfest der Freiwilligen Feuerwehr, die noch um halb zehn Uhr abends für eine Horde von Kindern Rundfahrten mit dem Feuerwehr-Truck und Löschaktionen veranstaltet. An der Rückwand der Feuerwache hängt ein großes Banner des Kinofilms “Ladder 49″, und genau wie im Film ist auch auf dem Fest das Pathos der Glorifizierung von Feuerwehrmännern zu spüren. Wie zwei Außerirdische bewegen wir uns durch diese eingeschworene Gemeinschaft, die nicht nur die Männer an sich, sondern auch ihre Familien und womöglich den ganzen Ort mit einschließt. Hier kennt jeder jeden, keine Frage. Wenn es möglich wäre, würde sich das ganze Fest in Zeitlupe bewegen, damit die Heldwerdung perfekt wäre. So aber spielt sich die Zeitlupe wohl nur hinter den großen Kinderaugen ab, die ihre Helden in Uniform bewundern.

Es zieht uns zurück auf die Interstates. Nicht freiwillig, aber wir müssen Zeit wett machen. Es gibt bald mehr…


Ein paar einfache Gedanken

Gerade verrät mir die Fluginformation, dass wir seit dem Start 2112 Meilen zurückgelegt haben, also knapp über die Hälfte der 4065 Meilen, die uns über den atlantischen Ozean bringen, und in den vergangenen Stunden stellt sich mir immer mehr die Frage, was uns wohl erwarten wird. Die letzten Wochen waren geprägt von den üblichen Vorbereitungen, die mit einer solchen Reise verbunden sind. Alles hat auf diesen Tag hingearbeitet, an dem das Projekt mit einem mal konkret wird. Und plötzlich fühlt sich die Idee gar nicht mehr so überschaubar an, sondern alles ist irgendwie riesig und gewaltig, genau wie das Land, das wir uns vorgenommen haben. Es ist zwar “nur” eine Recherchereise, aber dennoch: Jetzt ist es real. Ich sitze also in 10.672 Metern Höhe und vor mir liegt das Ziel, die USA zu ergründen. Die Vereinigten Staaten also. Noch immer das Land, das im letzten halben Jahrhundert das Weltgeschehen wie auch unsere persönlichen Lebensbedingungen mit am stärksten geprägt hat.

Wir alle wissen doch, woran wir denken, wenn wir an “Amerika” denken, ganz gleich ob wir “es” befürworten oder ablehnen. Und dabei meine ich ja gar nicht mal das Weltpolitische oder wissenschaftlichen Errungenschaften, nein, vielmehr geht es doch um den assoziativen Ansatz, nicht zuletzt weil die USA in meiner wie auch meiner Elterngeneration entscheidenden Einfluss auf Kindheits- und Jugenderinnerungen hatten. Ich bin dabei keine Ausnahme. Lassie und Fury, Colt Seavers und KITT, Hip Hop, Hollywood und Hamburger, Windows, Entenhausen und Barbiepuppen… Das lässt sich praktisch endlos fortsetzen, für den einen mal mehr, mal weniger bedeutsam – aber bei allen, und ich bin sicher: ausnahmslos allen in irgendeiner Form tief prägend für das Amerikabild, das durch unsere Köpfe geistert.

Und jetzt haben wir uns aufgemacht Neues zu entdecken? In jenem Land, über das doch eigentlich jeder alles weiß oder zu wissen glaubt? Ja. So einfach ist es. Aber vielleicht auch so schwer.

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Stilleben im nächtlichen San Francisco

ursprünglich hochgeladen von 415Kurt

Sehr schönes Foto-Portfolio von Flickr-User Kurt Manley, der vor allem ein äußerst atmosphärisches nächtliches San Francisco einfängt. Edward Hopper hätte es nicht besser gemacht. Aber auch mit seinen übrigen Fotos beweist 415kurt ein Auge für das Abseitige, für Vergängliches und im wahrsten Sinne des Wortes für den Blick hinter die Fassade.

Bei jedem dieser Bilder hab ich das Gefühl, dass sich die eigentliche Szene noch gar nicht abgespielt hat. Als liege was in der Luft und alle warten nur darauf, dass es endlich passiert. Wie an einem Filmset, das bereits fertig ausgeleuchtet ist. Jeden Augenblick könnten die Schauspieler aus der Maske kommen, vor die Kulisse treten und ihre Szene spielen. Und zwar für jene Art Film, wie man sie heute nicht mehr macht: Mindestens dreißig Jahre alt, Kratzer und Staub auf der Leinwand, vielleicht springt er hin und wieder, weil digital ist noch nicht. Und trotzdem sieht man drüber hinweg, weil die Story so dicht erzählt ist, die Figuren so packend sind und die Stimmung einen tatsächlich an einen anderen Ort in einer anderen Zeit transportiert.

Flickr-Fotostream von 415kurt