In Cade Lakes, Texas, einer kleinen Siedlung, etwa fünf Meilen westlich von Caldwell, ist es schwer, jemanden für ein Interview zu gewinnen. Der junge Familienvater, der am ersten Grundstück seinen Rasen mäht, hört sich zwar interessiert unser Vorhabe an, doch sobald das Wort “Kamera” fällt, will er nichts mehr mit uns zu tun haben. Wir fahren weiter über unbefestigte Wege, vorbei an zahllosen Mobile Homes, Wohncontainern, zum Teil nur noch Ruinen. Ein paar Häuser weiter steigt beißender Rauch in unsere Nase. Barbecue wird angeschürt, doch auch der Grillmeister gibt sich kamerascheu. Die meisten hier seien arbeitslos und wollen eher unauffällig bleiben, verrät er uns. Sein Nachbar ruft uns schon von der Veranda aus zu, dass wir sein Grundstück gar nicht erst betreten brauchen.
Offensichtlich ist die kleine Gemeinde doch nicht mehr so stolz, wie es das Schild an der Einfahrt verkündet – sofern man die Botschaft zwischen abblätterndem Lack noch entziffern kann. Schließlich treffen wir Leslie, der sich mit seiner Frau hier an einem der künstlich angelegten Seen zur Ruhe gesetzt hat. Leslie war Elektriker. Angeblich nicht der Einzige, der sich an den Cade Lakes zur Ruhe gesetzt hat. Stromprobleme hätte man hier nicht, sagt er stolz. Ansonsten gäbe es hier viele Kriminelle. Dass die gerne unauffällig bleiben, wundert im Nachhinein nicht. Auch Leslie spricht nicht viel. Man kann sich das sehr gut vorstellen, wenn er sagt, dass er die meiste Zeit einfach auf der Veranda sitze und den Tag genieße. Wir reden über seinen Beruf und über Amerika. Über seine deutschen Vorfahren, auf die viele hier in Zentraltexas zurückblicken können, denn eine der ersten Besiedlungswellen Mitte des 19. Jahrhunderts waren Deutsche. Viele Ortsnamen wie Weimar, Schulenburg oder New Ulm, ein paar Meilen südlich von Cade Lakes, zeugen heute noch davon. Auch Leslie spricht ein paar Worte Deutsch. Gelernt hat er es als Kind im Elternhaus. Erst mit der Einschulung war er gezwungen auf Englisch umzusteigen.
Leslie schert sich nicht viel um das, was um ihn herum geschieht. “Laid back” nennt er seine Lebenseinstellung – entspannt, gelassen, unaufgeregt. Das Highlight seines Tages ist das Barbecue. Und auf die Feiertage freut er sich. Wenn die Familie zusammenkommt. Überhaupt die Familie. Die ist ihm besonders wichtig. Seine größte Leistung, die er im Leben vollbracht hat, war es, dass er den Kontakt zu einem der Söhne wieder hergestellt hat, nachdem dieser nach der Geburt zur Adoption freigegeben wurde. Das sei der größte Wunsch seiner Frau gewesen. Und er sei heute noch stolz, dass ihm das vor 18 Jahren gelungen war. Seither komme der Sohn regelmäßig zu Besuch.
Leslies Frau sitzt einige Meter weiter, auf der untersten Stufe der Treppe, die zur Veranda führt. Ich hatte sie eingangs erst auf den zweiten Blick bemerkt. Auch sie spricht nicht viel. Und vor die Kamera tritt sie auch nicht. Erst als Leslie erwähnt, dass er aus beruflichen Gründen mal für einige Jahre in Kalifornien lebte, mischt sich seine Frau ein. Und hört kaum mehr auf. Kalifornien hat es ihr angetan. Sie spricht von der Schönheit der Landschaft, von Blumenfeldern, dem Wetter, den Menschen. “California is beautiful. You’re gonna love it,” gibt sie uns mit auf den Weg. (Kalifornien ist wunderschön. Das wird Euch gefallen.) Überhaupt spricht sie jetzt davon, in welchen anderen Bundesstaaten es ihr gefallen hätte. Wo sie schon überall gelebt hätten. Das Thema scheint einen Nerv getroffen zu haben. Mir scheint es, als verbrächten die beiden ihre Tage auf der Veranda damit, sich woandershin zu träumen. Möglicherweise ist Cade Lakes doch nicht der richtige Ort, um sich zur Ruhe zu setzen. Das Projekt, hier eine staatlich geförderte Gemeinde um drei künstliche Seen aufzubauen, stammt aus den Siebzigern – und kann wohl als gescheitert gelten. Befestigte Straßen wurden nie angelegt, viele zum Teil verlassene Grundstücke sind überwuchert, die Läden an der Ortseinfahrt haben schon lange keine Kunden, geschweige denn Waren gesehen. Und wurden praktisch von der Natur zurückerobert. Nur noch das Schild der Cade Lakes Estates ist Zeuge jener Ambitionen, die einst hier gewaltet haben.
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