Monthly Archive for October, 2009

Pyjamaparkplatzaction

Das Roping in Coleman bringt unseren Reiseplan durcheinander. Unser ursprüngliches Ziel für den Abend war McAlester, OK. Das ist wohl nicht mehr zu schaffen. Ist ja schon Zehne, und mindestens zweieinhalb Stunden noch bis McAlester. Dort ist das Army Ammunition Plant (Link zur engl. Wikipedia), die Fabrik, die praktisch alle Bomben der US Army herstellt. Und der größte Arbeitgeber im Ort. Noch vor Wal Mart und dem Oklahoma State Penitentiary, jenem Gefängnis, aus dem die Hauptfigur Tom Joad am Beginn von John Steinbecks Roman “Früchte des Zorns” entlassne wird. Selbst der eine oder andere Pfarrer von McAlester arbeitet tagsüber in der Bombenfabrik. Das hätte ich mir gerne angesehen. Nicht den Pfarrer beim Bombenbau. Und auch nicht das Werk. Obwohl sicher hochinteressant, aber dafür wäre wohl ein langwieriges Genehmigungsverfahren erforderlich. Stattdessen hätte ich es spannend gefunden, mit den Menschen im Ort ins Gespräch zu kommen. Daraus wird jetzt nichts mehr. Muss ich mir für spätere Recherchen aufheben.

Stattdessen suchen wir das nächstbeste Motel auf. In Atoka, einem Kaff etwa eine Autostunde nordöstlich der Roping Arena, werden wir fündig. Es gibt nicht viel in Atoka. Das Best Western liegt fern unseres Budgetrahmens. Unsere Kalkulation erlaubt uns durchschnittlich nur 50 Dollar bzw. 34 Euro pro Nacht (inklusive Steuern). Bisher kommen wir sogar mit etwas weniger aus. In Atoka bleibt uns aber neben dem Best Western nur eine Alternative. Auch die ist natürlich völlig ausreichend, wie eigentlich alle Motels, die wir buchen. Allerdings werden wir um 1 Uhr nachts geweckt, um das Zimmer zu wechseln. Angeblich wegen der Handwerker. In Pyjamahosen und T-Shirt zerren wir unsere halboffenen Koffer und die Reste der Domino’s Pizza über den Parkplatz zum nächsten Zimmer. Es ist für die Jahreszeit unverschämt kalt. Ja, der Temperatursturz sei etwa vier Wochen zu früh dran, versichert uns der Hotel Clerk noch. Danke. Von Handwerkern weiß man übrigens am nächsten Morgen nichts mehr. Überhaupt sieht man keinen Grund, weshalb wir in der Nacht noch einmal durch die halbe Stadt gejagt wurden. Einen Discount gibt’s für den Zwangsumzug dann aber doch nicht. Wohl weil wir schon einen Discounttarif hätten. Aha. Davon hatte der Hotel Clerk in der Nacht zuvor aber nichts erwähnt. Wir geben dennoch klein bei. Weil, ist ja eh im Budgetrahmen. Aber Punkte für gute Führung gibt’s für das Hi-Way Inn nicht. Wir beschließen, einfach nicht mehr nach Atoka zu kommen und folgen einer neuen Route.

Statt nach Bomb Town USA fahren wir nach Westen. Das schließt zwar auch den kurzen Abstecher in die nordwestlichste Ecke Arkansas aus, aber wir müssen etwas aufholen, um den Zeitplan auf lange Sicht einhalten zu können.


Roping Night in Oklahoma

Erst spät am Nachmittag kommen wir nach Oklahoma. Den ganzen Tag über hatten uns wolkenbruchartige Regenfälle durch den Nordosten von Texas und über die nie enden wollenden Freeways begleitet, die sich durch den Großraum Dallas/Fort Worth schlängeln und einen einfach nicht mehr freilassen. In Oklahoma geht es ruhiger zu. Vor allem auf den kleineren Landstraßen westlich der Interstate 35. Die sich aber ebenfalls Highway nennen. Als Highway werden praktisch alle Straßen bezeichnet, die halbwegs befestigt sind. Auch wenn bisweilen unbefestigte Straßen weitaus angenehmer zu befahren sind als manch befestigter Highway. Die berüchtigte desolate Infrastruktur des amerikanischen Straßensystems ist vielerorts offensichtlich. Vor ein paar Tagen stand ich auf einer Brücke, die über das Gleissystem des Güterbahnhofs in Barstow, CA führte. Brücken mit Fußgängerwegen sind ganz schwer zu finden. Diese hatte zumindest auf einer Seite einen. Der war zwar nur etwa vierzig Zentimeter breit und damit kaum breiter als ein Bordstein, aber wenn man sich ganz eng an das Brückengeländer drückte, war man das Gefühl los, dass einen die vorbeifahrenden Autos immer irgendwie ganz sachte streifen.

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A Community with Pride

In Cade Lakes, Texas, einer kleinen Siedlung, etwa fünf Meilen westlich von Caldwell, ist es schwer, jemanden für ein Interview zu gewinnen. Der junge Familienvater, der am ersten Grundstück seinen Rasen mäht, hört sich zwar interessiert unser Vorhabe an, doch sobald das Wort “Kamera” fällt, will er nichts mehr mit uns zu tun haben. Wir fahren weiter über unbefestigte Wege, vorbei an zahllosen Mobile Homes, Wohncontainern, zum Teil nur noch Ruinen. Ein paar Häuser weiter steigt beißender Rauch in unsere Nase. Barbecue wird angeschürt, doch auch der Grillmeister gibt sich kamerascheu. Die meisten hier seien arbeitslos und wollen eher unauffällig bleiben, verrät er uns. Sein Nachbar ruft uns schon von der Veranda aus zu, dass wir sein Grundstück gar nicht erst betreten brauchen.

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Die zwei Flaggen des Billy Doland

Billy Doland wohnt nicht weit vom Meer. Vielleicht drei, höchstens vier Kilometer Sumpfland liegen zwischen seiner Farm und dem Golf von Mexico. Die kleine Gemeinde Grand Chenier erstreckt sich über mehrere Meilen entlang des State Highway 82 an der Küstenlinie Louisianas, zwischen endlosem Gras- und Schilfland, das von ein paar Wasserarmen durchzogen wird. Es sind keine großen oder alten Farmhäuser, die einen hier erwarten. Kleine Mobile Homes reihen sich an der Straße entlang, viele auf Stelzen errichtet, daneben meist ein oder zwei Schuppen, vielleicht eine Scheune oder Garage. An vielen Gebäuden wehen die Stars & Stripes in der abendlichen Brise.

Auch bei Billy Doland, der Rinder züchtet, sieht es nicht anders aus. Doch Billy Doland hat noch eine zweite Flagge, nicht nur die, die an einem dünnen Mast in seinem Vorgarten weht. Er führt uns in einen Schuppen hinters Haus und zeigt in die halbdunkle Ecke unter dem Giebel des Daches. Dort hängt sie, die Flagge, zerschlissen und zerfetzt, mit zahlreichen Reißzwecken befestigt, um die ursprüngliche Form wieder herzustellen. Vor vier Jahren wehte sie noch stolz über dem Rasen von Billy Dolands Farm. Doch dann kam der Herbst 2005, ein schwieriges Jahr hier unten an der Küste.

Nur wenige Wochen nach Hurricane Katrina kam mit Hurricane Rita der nächste gefahrbringende Sturm auf die Bewohner zu. Diesmal traf es mit voller Wucht den westlichen Küstenabschnitt Louisianas. Grand Chenier wurde im Vorfeld vollständig evakuiert.

Als Billy Doland wieder auf seine Farm zurückkehren konnte, fand er nichts mehr so vor wie es war. Sein Haus lag fünf Meilen weiter, sagt er, und schwamm regelrecht in den Sümpfen. Von seinen knapp 500 Rindern konnten gerade mal 30 lebend geborgen werden. Praktisch der totale Verlust seiner beruflichen Existenz. Doch Billy Doland will nicht aufgeben. Er liebt das Land und die Region viel zu sehr und hat sich vorgenommen, einfach weiterzumachen bis er keine Kraft mehr hat. Wenn auch in kleinerem Stil.

Als er bei den Aufräumarbeiten unter den Trümmern seiner Farm die zerschlissene Flagge hervorzog, war er bereits im Begriff sie wegzuwerfen. Es war sein Neffe, der den Einfall hatte, sie im neu errichteten Schuppen an die Wand zu nageln. Und seither hängt sie dort, als Zeichen für ihn, den Mut nicht zu verlieren.


Von Biloxi bis New Orleans: Entlang der Küste Mississippis

Unsere kurze Fahrt durch den Staat Mississippi soll uns eigentlich nur binnen eineinhalb Stunden nach New Orleans bringen. Daraus wird nichts. Das fängt schon mal damit an, dass wir auf halber Strecke feststellen, dass ich die Geldbörse mit unserer Kreditkarte in einem Frühstücksdiner in Ocean Springs liegen gelassen habe. Glücklicherweise waren wir am Morgen die einzigen Gäste des Lokals, so dass die Bediensteten die Geldbörse finden konnten, bevor es ein anderer tat. Inzwischen ist der Laden gut gefüllt und als ich die Tür aufreiße, rufen mir gleich drei Kellnerinnen über die Köpfe der anwesenden Gäste zu: Didn’t you forget something! (Hast Du da nicht was vergessen?) Mit diesem leicht neckisch-vorwurfsvollen Tonfall und analogen Blicken, während aus der hintersten Ecke die Schichtführerin bereits mit der Geldbörse in der Hand wedelt, so dass nun auch der letzte Gast Zeuge meiner Schussligkeit ist. Ich sehe mich schon in Zeitlupe der Schichtführerin entgegenlaufen und das verlorene Stück unter tosendem Applaus der Anwesenden entgegennehmen. Soweit kommt es nicht. Dazu muss noch erwähnt werden, dass ich eigentlich kein Geldbörsen-Mensch bin. Für gewöhnlich trage ich keine bei mir. Ich mag weder ausgebeulte Gesäßtaschen noch das endlose Kramen nach Münzen in den meist unnatürlich düsteren und viel zu klein geratenen Münzfächern. Ich habe also ein über Jahre hinweg praktisches System entwickelt, den Alltagsgebrauch an Karten, Scheinen und Kleingeld ganz ohne Geldbörse und auf das Wesentlichste reduziert mit mir zu führen. Und verloren hab ich davon eigentlich auch noch nie was. Ehrlich. Nur eben jetzt, während der Zeit in den USA. Da muss ich mich erst wieder daran gewöhnen, mit einer Geldbörse zu hantieren. Und auch nur, weil man ja ständig alle möglichen Karten, IDs, Coupons oder den Presseausweis griffbereit haben muss.

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Was ist normal in Alabama?

Durch Alabama führt uns unsere Route meilenweit durch Kiefernwälder, aus denen immer wieder unbefestigte Seitenstraßen durch die kräftige rötliche Färbung der Erde hervorstechen. Die klimatisierte Blase, die unser Mietwagen darstellt,lässt uns nichts spüren von der Schwüle des Südens. Man wird jedesmal aufs Neue überrascht von der Wand aus Hitze und Luftfeuchtigkeit, gegen die wahrhaftig stößt, wenn man aus dem Wagen steigt.

Wie die meisten Südstaaten hat auch Alabama aufgrund seiner landwirtschaftlichen Prägung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wirtschaftliche Einbußen hinnehmen müssen. Erst nach dem zweiten Weltkrieg haben sich hier verschiedene schwere Industrien angesiedelt und für den Aufschwung gesorgt. Auch die Automobilindustrie ist einer der stärksten Wirtschaftsfaktoren des 4,6-Millionen-Einwohner-Staates. Tuscaloosa, wo unsere Reise durch den Süden beginnt, machte beispielsweise Ende der 90er Jahre Schlagzeilen, als Mercedes Benz hier sein erstes Werk in Nordamerika errichten ließ. Heute gehören der Automobilhersteller und diverse Zulieferfirmen in Tuscaloosa zu den wichtigsten Arbeitgebern.

Außerhalb industriell geprägter Regionen sieht das Leben hingegen noch immer sehr einfach aus. Man möchte fast behaupten, dass die Zeit stehen geblieben ist.

Das gilt mancherorts wohl auch noch immer für die Rassenfrage. Immer wieder macht erschreckender Alltagsrassimus Schlagzeilen. In der Kleinstadt Monroeville gab es erst im vergangenen Jahr eine Klage, wonach schwarze Schüler in der High School strenger benotet, härter bestraft und von weiterführenden Kursen ausgeschlossen wurden. Monroeville war einst Inspiration für den Roman “Wer die Nachtigall stört”, in dem Rassismus und Ungerechtigkeiten im ländlichen Alabama der 30er Jahre aus Sicht eines jungen Mädchens erzählt werden.

In Greensboro, AL, begegnen wir dem jungen schwarzen Polizisten Dave. Mit großem Interesse hört er sich an, was wir vorhaben. Dave gefällt die Idee, Durchschnittsbürger zu Wort kommen zu lassen, doch schiebt er gleich hinterher: “If you wanna talk to normal people, you should not talk to me. I’m not normal.” (Wenn Ihr mit normalen Leuten sprechen wollt, dann sprecht besser nicht mit mir. Ich bin nicht normal.) Was er damit meine, frage ich nach. Dave kommt einen Schritt näher und blickt mir eindringlich in die Augen. Normal bedeute hier, Rassenhass und Vorurteile.

But I am not like that.” (Aber ich bin anders.)

Ich möchte gerne mehr wissen und Dave dazu bewegen, mir doch ein Interview zu geben. Doch Dave zögert. Da kommt ihm der Ruf seines Kollegen aus dem Streifenwagen auf der anderen Straßenseite gerade Recht. Dave müsse jetzt gehen. Er wünscht uns viel Glück für unser Projekt. Amerika könne so etwas gut gebrauchen, gibt er uns mit auf den Weg.

Ist der Alltagsrassimus am Ende doch nicht so ausgeprägt, wie Dave behauptet hat? Immer wenn ich bei unseren weiteren Begegnungen in Alabama auf die Beziehung zwischen Schwarz und Weiß zu sprechen komme, erhalte ich die gleiche Antwort. Jeder käme selbst wunderbar mit den anderen aus. Das mag sicher stimmen. Solange man nichts mit den anderen zu tun hat. In dem kleinen Restaurant in Greensboro, in dem wir am Abend essen gehen und gerade die Vorbereitungen für eine Geburtstagsparty laufen, fällt auf, dass ausschließlich Weiße anwesend sind. Sowohl unter den Gästen als auch Bediensteten. Wohingegen der kleine Laden in einer der Wohnsiedlungen am Stadtrand, in dem wir uns später noch mit Getränken für die Fahrt versorgen, ausschließlich von Schwarzen besucht wird. Ist das Zufall zu jenem Zeitpunkt, an dem wir gerade dort einkaufen? Oder hat sich an der Rassentrennung in den letzten 60 Jahren im Alltag praktisch nichts verändert?

Jetzt ärgere ich mich, dass ich den Polizisten Dave nicht vehementer zu einem Interview überreden konnte. Er schien der Einzige, der offen darüber spricht ohne sich selbst etwas vorzumachen.


The Berlin Backroom

Ja da sitze ich nun im Büro und arbeite  –  alleine vor mich hin. Die Kollegen machen ihren Mammut-Trip durch die USA und ich halte die Stellung in Berlin.

Alles klar! Nur komisch ist es schon. Natürlich ist genug zu tun auch abseits vom Backroom-Projekt, aber jeden morgen ganz allein im Büro zu sein, so alles ohne direkten Kontakt zu den Kollegen und ohne kleines Pläuschchen an der Kaffeemaschine. Ich dachte nach ein paar Tagen gewöhnt man sich dran. Ein bisschen schon, aber angenehm fühlt es sich nicht an. Heutzutage hat man ja nicht einmal mehr einen Kontakt mit dem Postboten, v.a. im 4. Stock. Glücklicherweise steht ja das Telefon nicht still und ich kann mich auch in “Ruhe” den ganzen anderen Arbeiten und Projekten widmen, auch wenn der ” noch-zu-erledigen-Stapel” nicht kleiner wird.
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Mit dem Lichtschwert den Bart stutzen

Ich wollte ja schon immer mal wissen, was der Hintergrund jener rot-weiß-blau gestreiften Zylinder ist, die sich hierzulande an zahlreichen Friseurläden finden. Eine gute Gelegenheit das herauszufinden, bietet sich uns in der Kleinstadt Thompson’s Station, Tennessee. Etwas außerhalb der Stadtgrenzen zwischen einer Tankstelle und einem Schrottplatz steht ein unauffälliges kleines Haus. Die Tür steht sperrangelweit offen. Und gleich neben dem Türrahmen dreht sich besagter Zylinder, den man Barber’s Pole nennt, wie ich bald herausfinden werde. Im Innern erwartet den Besucher ein altes Sofa, ein Boxsack und ein Kickertisch mit Star Wars-Figuren als Spielermännchen. Poster von Comic-Superhelden vervollständigen den ersten Eindruck.

Ein Friseursalon? Richtig. In einem beengten Zimmerchen, zwischen alten Möbeln, Familienfotos, einem Poster mit den Westernhelden des Spielfilms “Tombstone” und einer winzigen Kochnische sitzt Jason. Jason ist Barber. 35 Jahre alt. Stets guter Laune. Es fasziniert ihn, dass wir den weiten Weg aus Deutschland gekommen sind, um zufällig in seinem Barber Shop zu landen. Er bemerkt gleich, dass ein Haarschnitt bei mir nicht notwendig ist. Vielleicht ist er ein wenig enttäuscht, aber das lässt er sich nicht anmerken. Auf Kundschaft wartet Jason jedenfalls. Doch in der Zeit, die wir bei ihm verbringen, wird keine Kundschaft auftauchen. Womöglich ist die Lage des Salons nicht die Beste. Der kleine Laden war früher Teil des Schrottplatzes. Jason hat ihn aufgekauft und zu einem Salon umbauen lassen. Laufkundschaft gibt es hier wenig. Falls man in der Auto-Nation Amerika denn überhaupt von Laufkundschaft sprechen darf.

In Thompson’s Station kommt es offensichtlich auf andere Werte an als auf eine moderne Einrichtung oder die aktuelle Produktreihe professioneller Haarpflegemittel, wie man sie aus deutschen Friseursalons kennt. Jasons Barber Shop beschränkt sich auf das Wesentliche. Und das ist nicht viel. Den meisten Flair strahlt noch immer der alte Friseurstuhl aus, der aus den zwanziger Jahren stammt. Und dennoch: Jason ist voller Stolz, dass er alles selbst eingerichtet hat. Und außerdem müsse er sich nach den Wünschen der Kundschaft richten. Der Kicker sei sehr beliebt.

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Canterbury Tales

In Anspielung auf das texanische Nummernschild unseres Leihwagens fragt man uns an einer Tankstelle in Nashville, ob wir vorhätten, hierher zu ziehen. Möglicherweise sind auch die Taschen und Koffer und deren Inhalt, die nach 10 Tagen on the road im Heck des Wagens wuchern, der Auslöser. Jedenfalls gibt man uns den Tipp: “This is not a good place to be.

Auf Nachfrage, was er damit meine, winkt der ältere Minderheitenvertreter ab und bekräftigt im Weitergehen nur noch einmal, dass dies kein guter Ort zum Leben wäre. Und als wolle er besonderes Gewicht in seine Aussage legen, indem er sich mit uns verbündet, zeigt er uns noch seine ID: Er ist Texaner. Stolz nickt er uns zu: “Take care!“. Dann zieht er seines Weges.

Wir brechen auf gen Süden. Sobald wir die letzten Ausläufer Nashvilles, der Hauptstadt von Tennessee mit knapp 630.000 Einwohnern, hinter uns gelassen haben, erstrecken sich rechts und links der Straße Wiesen in saftig-satten Grüntönen. Eingefasst von schier endlosen weiß lackierten Holzzäunen. Nur vereinzelt wird das Grün unterbrochen von wenigen Farbklecksen wie Pferden und Rindern.

Eine Autostunde südlich stoßen wir auf die Siedlung Canterbury, deren Einfahrt mit Burgwachtürmchen und buntem Fensterglas unsere Neugierde weckt. Mal wieder eine jener typischen modernen Neighborhoods für den gehobenen Mittelstand. Vielleicht ein wenig verkitschter als andere, die wir bisher gesehen haben. Brennen doch tatsächlich echte Fackeln an der Einfahrt, die wohl tagein tagaus einer entzündet und löscht. Hinter der Einfahrt erwarten uns die üblichen gleichgeschalteten Ein- und Mehrfamilienhäuser, die auch in ihrer Halloween-Deko wenig Persönlichkeit ausstrahlen.

Eines fällt uns dann aber doch auf. Die Townhouse Lane. Während die Häuser im Rest der Siedlung auf großzügigen Grundstücksflächen gebaut sind, mit Vorgarten und Back Yard das junge Familienglück verheißen, hat sich die Immobilienfirma noch was ganz besonderes ausgedacht: Etwas abseits stehen Reihenhäuser im städtischen Baustil. Auf engstem Raum, fünf oder sechs Häuser aneinandergereiht. Sofern man von eng sprechen kann, denn ringsum erstrecken sich nahezu endlose Wiesen und Felder. Es mutet fast schon surreal an, als ob eine ganze Stadt dem Erdboden gleichgemacht wurde, nur eine Reihe Wohnhäuser blieb verschont. Und offensichtlich sind sie bewohnt.

Wer mag wohl die Zielgruppe sein: Ehemalige Städter, die es aufs Land zieht, die aber wenigstens in den eigenen vier Wänden die Beengtheit und das Großstadtflair weiterhin atmen wollen? Die Freude daran haben, ihre Gärten hinterm Haus mit Holzzäunen einzufassen, damit die Nachbarn nicht gleich den vollen Einblick haben? Und die auch auf dem Land nicht auf die gelegentlichen nachbarschaftlichen Auseinandersetzungen verzichten wollen, die sich durch lautes Rasenmähen oder exzessive Barbecue-Abende in den umliegenden Gärten ergeben?

Oder sind es die Landeier, die sich wegen ihrer Heimatverbundenheit nicht trennen möchten, aber eben doch ein wenig städtischer leben möchten?

Eine Antwort finden wir heute nicht. Es ist niemand anzutreffen.